Die Geschichte der Samtgemeinde
Ein historischer Moment: Am 1. Juli 1972 unterzeichnete der Jembker Bürgermeister Hermann Bratze den Interimsvertrag zur Bildung der Samtgemeinde Boldecker Land. Hinter ihm steht Heinrich Schulze aus Weyhausen, der bis 1976 als Samtgemeindebürgermeister amtierte, und daneben der Oberamtmann Robert Janzen, damals von der Kommunalaufsicht des Landkreis Gifhorn© Samtgemeinde Boldecker Land
Von Harald Harms, Jembke
Eine am 30. März 1965 auf Landesebene beschlossene, kommunale Verwaltungs- und Gebietsreform führte zur Gründung der Samtgemeinde Boldecker Land. Während dieser von 1972 bis 1978 durchgeführten Kreisreform wurden viele Gemeinden in Niedersachsen aufgelöst. Samtgemeinden wurden eingeführt, die Regierungsbezirke reformiert, Verwaltungen sollten zentralisiert werden. Auch weil die Arbeit den Bürgermeistern - meistens zugleich ehrenamtliche Gemeindedirektoren - über den Kopf wuchs. Verbunden mit der Gemeindereform wurde eine Kreisreform eingeleitet, da die Größen der einzelnen niedersächsischen Landkreise an Fläche und Einwohnerzahl stark voneinander abwichen. Aus 4.062 Gemeinden im Jahr 1970 entstanden dabei 415 Einheits- und Samtgemeinden.
Der Begriff „Samtgemeinde“ bezeichnet Gebietseinheiten, die im Gegensatz zu Einheitsgemeinden ihre örtliche Verwaltungshoheit behalten haben. Zur Bildung einer Samtgemeinde mussten sich mehrere Dörfer mit insgesamt mindestens 7000 Einwohnern zu einer Verwaltungseinheit zusammenschließen.
- Gemeinden hatten eigene Vorstellungen
Die erste Variante, die für die spätere Samtgemeinde Boldecker Land ins Gespräch gebracht wurde, war ein Zusammenschluss von Jembke, Tappenbeck, Weyhausen, Osloß, Bokensdorf, Barwedel, Tiddische, Hoitlingen und Brackstedt. Diese Orte gruppierten sich in der Mehrzahl um Jembke. Wegen der zentralen Lage des Ortes und Standortes der St. Georg-Kirche sollte Jembke Sitz der Verwaltung werden. Dieser Vorschlag fand, bis auf ein Detail, die Zustimmung der Reformkommission: Man war dafür, nicht Jembke sondern Weyhausen als zentralen Ort auszuweisen. Denn in diesem Planungszeitraum ging man noch davon aus, dass Wolfsburg, Fallersleben und Vorsfelde als Kleinstädte mit entsprechend angegliederten Umlandgemeinden weiterbestehen würden.
In weiteren Verhandlungen ergab sich jedoch, dass Osloß und Weyhausen sich lieber nach Fallersleben orientierten, da dieser Ort schon immer als zentraler Einkaufsort empfunden worden war. Ähnliche Argumente galten für die Dörfer Tiddische und Hoitlingen bezüglich Vorsfeldes. Die Gemeinde Brackstedt hatte schon früh den Wunsch eines Anschlusses an Wolfsburg bekundet. Durch diese Aufsplitterung sank die Einwohnerzahl der Restgemeinden auf unter 3.000 Personen - es musste also nach einem neuen Zusammenschluss gesucht werden.
- Wie man sich schließlich einig wurde
Die zweite Variante war die Orientierung auf der Basis des Schulzweckverbandes, zu dem Jembke, Bokensdorf, Barwedel, Ehra-Lessien, Westerbeck und Stüde gehörten. Dieser Zusammenschluss wurde jedoch schon in den Anfängen blockiert, da Grußendorf, Stüde und Westerbeck zu einer Allianz als Sassenburg-Gemeinde tendierten.
Zwischenzeitlich aber strebte Wolfsburg als Industriestandort des VW-Werkes die Entwicklung zur Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern an. Dazu war der Zusammenschluss mit Fallersleben und Vorsfelde mit gemeinsam etwa 23.000 Einwohnern notwendig. Durch diese neue Lage wurde die erste Variante wieder aufgegriffen, jedoch ohne Brackstedt. Auch Hoitlingen und Tiddische wollten sich nicht zum Raum des Boldecker Landes ausrichten. Es blieben die Gemeinden der heutigen Samtgemeinde mit damals annähernd 6.000 Einwohnern.
Einvernehmlich entschied man sich dann, eine Samtgemeinde zu gründen (anstatt einer Einheitsgemeinde), damit den Mitgliedsgemeinden auch noch etwas Eigenverantwortung gegeben werden konnte. Über den Namen, den die Gebietseinheit tragen sollte, wurde man sich ebenfalls schnell einig: „Boldecker Land“, eine seit 1517 aktenkundlich bekannte Gebietsbezeichnung für ein Areal, das sich - bis auf Grußendorf - mit dem heutigen Gebiet der Samtgemeinde deckt, fand die volle Zustimmung.
- Weyhausen als Verwaltungssitz
Lediglich bei Wahl des Verwaltungssitzes gingen die Meinungen stark auseinander. Sowohl Weyhausen als auch Jembke beanspruchten mit ihren berechtigten Begründungen den Verwaltungssitz für ihren Ort. Durch die Vermittlung der Sachverständigenkommission kam folgende Vereinbarung zustande: Verwaltungssitz wurde Weyhausen - mit einer Nebenstelle in Jembke. Nachdem die Samtgemeinde Boldecker Land durch die Unterzeichnung eines Interimsvertrages am 1. Juli 1972 Rechtskraft erlangte, und die Arbeit aufnehmen konnte, wurde auch ein Interimssamtgemeinderat gebildet, dessen Amtszeit am 31. Dezember 1972 enden sollte. Den Vorsitz des ersten gewählten Samtgemeinderates übernahm im Anschluss daran Weyhausens Bürgermeister Heinrich Schulze, der dieses Amt bis 1976 innehatte. In dieser Zeit wurde die Aufbauarbeit der neuen Verwaltung ausgeführt.
- Erste Adresse: Neue Straße 10
Damals gab es noch das Amt des Samtgemeindedirektors, der ebenso wie die erforderlichen Angestellten zunächst engagiert werden musste. Zudem mussten passende Räumlichkeiten gefunden werden, und so bezogen die Mitarbeiter der ersten Samtgemeindeverwaltung die Adresse Neue Straße 10, wo heute der Schulhausmeister seinen Sitz hat.
Zum ersten richtigen „Rathaus“ der Samtgemeinde wurde ab 1977 die alte Schule in der Brückenstraße umfunktioniert
1977 übernahm man zudem die beiden ehemaligen Klassenzimmer in der alten Schule in der Brückenstraße und richtete dort das Amt für Finanzwesen, das Steuer- und das Ordnungsamt ein. Die angrenzende Scheune wurde ausgebaut und etwas später zog auch der Rest der rund 20 Verwaltungsmitarbeiter der Samtgemeinde in das einstige Schulhaus ein.
Gruppenfoto der Verwaltung im Jahr 2000. Rechts im Bild mit Schlips: Samtgemeindebürgermeister Lothar Leusmann
Doch bei der Organisation der Verwaltung fehlte jegliche Erfahrung. So verging die Zeit, ohne noch an eine Nebenstelle in Jembke zu denken. Die Gemeinde war ja auch gut durch die in den Samtgemeinderat gewählten Jembker vertreten - darunter Bürgermeister Hermann Bratze. Erst zum Ende der Wahlperiode 1976 kam das Thema Nebenstelle wieder auf. Dabei stellte man schnell fest, dass diese durch die Besetzung mit einer hauptamtlichen Kraft einen nicht zu unterschätzenden Kostenfaktor darstellen würde. Als dann noch bei der zweiten Samtgemeinderatswahl 1976 Hermann Bratze zum Ratsvorsitzenden gewählt wurde - und er dieses Amt über drei weitere Wahlperiode innehatte - entfiel die Einrichtung einer Nebenstelle in Jembke.
Hermann Bratze bekleidete das Amt des Samtgemeindebürgermeisters, bis es 1991 von Lothar Leusmann aus Barwedel übernommen wurde.
- Einzug in das neue Rathaus
Als die Arbeit immer mehr zunahm, das Personal aufgestockt werden musste und auch das Verwaltungsgebäude in der Brückenstraße zu klein wurde, errichtete die Samtgemeinde ein neues Rathaus an der Straße nach Bokensdorf, das im Mai 2005 bezogen wurde.
2005 wurde das neue Rathaus im Eichenweg 1 bezogen
Lothar Leusmann amtierte dort bis Ende 2014. Er wurde im Anschluss daran zum ersten Ehrenbürgermeister der Samtgemeinde ernannt. Anja Meier aus Bokensdorf folgte ihm nach und leitete als erste Frau die Geschicke des Boldecker Landes. Am 26. September 2021 wurde mit einem deutlichen Stichwahlergebnis mit Dennis Ehrhoff wieder ein Jembker zum Samtgemeindebürgermeister gewählt. Er trat sein Amt am darauf folgenden 1. November an.
Derzeit sind etwa 200 Mitarbeiter bei der Samtgemeinde Boldecker Land beschäftigt - was alle Angestellten der Schulen und Kindergärten in der Trägerschaft der Samtgemeinde miteinschließt. Davon sind rund 35 Mitarbeiter im Rathaus tätig.
Heute, nach 50 Jahren, wird diese Verwaltungseinheit von den Bürgern als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen, die Anno 1972 noch als ein „nicht notwendiges Übel“ angesehen wurde und nur mit viel persönlichem Einsatz aller Beteiligten zustande kam. Dieser kleine Rückblick in die Geschichte soll an verflossene Monate und Jahre erinnern, in denen die Gemeinden und deren gewählte Vertreter, in erster Linie aber natürlich die Bürgerinnen und Bürger von Barwedel, Bokensdorf, Jembke, Osloß, Tappenbeck und Weyhausen es vollbracht haben, dass heute alle zu einer großen Gemeinde mit über 10 000 Einwohnern zusammengewachsen sind.
(Die erste Version dieses Textes erschien 2017 in einer Informationsbroschüre der Samtgemeinde Boldecker Land)





